Freitag 10. September 2010
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Inhalt:

Innenpolitik

Menschlichkeit für einen Unmenschlichen?

Ein Nachruf auf Jörg Haider


Nach Jörg Haiders Tod verfiel das offizielle Österreich in ungeahnt tiefe Trauer. Er sei ein großartiger, talentierter Politiker gewesen. Kritische Worte sind nach wie vor verpönt und Kabarettisten wie Grissemann und Stermann werden verschmäht. Zum Weinen ist nicht der Tod Jörg Haiders, sondern die gesellschaftlichen Verhältnisse, die einen Jörg Haider zum Helden stilisieren. Ein Nachruf.


Jörg Haider wollte immer im Alleingang die Richtung vorgeben und schneller sein als die anderen. Letztendlich wurde ihm das zum Verhängnis. Dass das Leben des bekanntesten österreichischen Rechtsextremen und „Rechtspopulisten“, dessen Ruf durch ganz Europa ging und sogar in den USA Widerhall fand, so endet, ist tatsächlich schockierend. Dazu muss festgestellt werden, dass private Tragödien und frühe Tode immer schockieren und auch alle schockieren sollten, die Menschlichkeit für sich in Anspruch nehmen. Jörg Haider war nicht so einer. Über den brutalen Tod des Asylwerbers Marcus Omofuma bei dessen Abschiebung ließ er 1999 wissen, dass man „einem schwarzafrikanischen Drogendealer keine Krokodilstränen“ nachweinen solle. Derselbe Jörg Haider wird nun von den österreichischen Medien und der offiziellen Politik betrauert als einer, „der immer für die Menschen da war“, als „König der Kärntner Herzen“.


Es ist legitim, um Menschen zu trauern. Jörg Haiders Politik dabei aber zu vertuschen und zu verdecken, kommt einer Farce gleich. Haider war sicherlich ein talentierter Politiker. Vor allem in seinen Kerngebieten: der rassistischen Hetze, chauvinistischer Mobilisierung und autoritären Ausgrenzung.


Haider, Einiger und Gerechter


Jörg Haider war ein Einiger. Zuallererst einigte er das gespaltene dritte Lager und integrierte Rechtsextreme aller Art in der FPÖ. Mit Haider hat der Rechtsextremismus nicht nur in der FPÖ die Oberhand gewonnen, eine dauerhafte Vertretung im Parlament erhalten, sondern die rassistische Mobilisierung hat es bis in die Mitte der Gesellschaft geschafft – Rechtsextremismus ist dank Haider salonfähig geworden.


Die Nähe zum Nationalsozialismus hat der gebürtige Oberösterreicher, dessen Vater illegales NSDAP-Mitglied und dessen Mutter BDM-Führerin war, nie gescheut. Aus einer „nationalen Familie“ stammend, prägte er die österreichische Parteienpolitik durch exponierten Rassismus, Antisemitismus und Revisionismus. Sein bekanntestes Zitat in diesen Zusammenhängen ist wohl jenes der „ordentlichen Beschäftigungspolitik im Dritten Reich“, das ihn zumindest eine kurze Zeit seinen Posten als Landeshauptmann kostete.


Jörg Haiders Tod löste besonders in Kärnten eine kollektive Hysterie aus. Schulen mussten Trauerstunden abhalten, das öffentliche Leben stand zeitweise still – Blonde Mädchen singen Friedenslieder, Kameraden weinen im Fernsehen. Haiders Kärntner Spielart der Politik basierte ja nicht nur auf Verhetzung und Ausgrenzung, sondern auch auf der regelmäßigen Verteilung von Almosen. Haider war ein Gerechter, jeder solle bekommen, was er verdiene. Und AsylwerberInnen verdienen nun einmal Sonderanstalten und Abschiebungen, KärntnerInnen in Orten mit slowenischen Minderheiten haben dagegen neue Ortstafeln nicht verdient.


Versöhnung mit Haider


Er hat die FPÖ und auch sich selbst ständig an Limits getrieben und wenn er ganz oben war, zielstrebig den Absturz eingeleitet und es trotzdem immer wieder geschafft, hochzukommen. Bei den letzten Nationalratswahlen allerdings das letzte Mal.


Für Österreich sind vor allem die scheinheiligen Reaktionen in der Öffentlichkeit bezeichnend. All jene, deren Erzfeind er war, verfallen wie seine intimsten Freunde in Lobeshymnen. Die Inszenierung der Trauer und vor allem der Kult um seine Beerdigung werden in der ganzen Welt kritisch betrachtet. In Österreich scheint das normal zu sein, was eigentlich Angst machen sollte: Tausende Menschen weinen um einen Rechtsextremen und Politiker aller Parteien stimmen mit ein. Kein kritisches Wort sollen wir über Jörg Haider mehr sagen, im Tod scheint alles vergessen und vergeben zu sein, sogar von Versöhnung ist immer öfter die Rede.


Trauern mit Freunden


Eine Woche lang dauerte die kollektiv inszenierte Trauer an und fand ihren Höhepunkt in der Verabschiedung Haiders am Neuen Platz. Dort wurde Haider schon 1991 von tausenden Menschen verabschiedet, nachdem er nach seiner Verherrlichung der „ordentlichen Beschäftigungspolitik im Dritten Reich“ als Landeshauptmann von SPÖ und ÖVP abgewählt worden war. Auch dieses Mal wurden gute Freunde erwartet. Ob Jörg Haiders internationale Kameraden wie Jean-Marie Le Pen, der Chef der französischen Front National, und die neofaschistische Duce-Enkelin Alessandra Mussolini ihren letzten angekündigten Besuch eingehalten haben, ist unklar. Heinrich Himmlers Tochter konnte dagegen „leider nicht“ kommen und musste absagen.


Andere echte Freunde waren auch zur Stelle, über die Haider schon sagte: „Es ist gut, dass es in dieser Welt noch anständige Menschen gibt, die einen Charakter haben, die auch bei größtem Gegenwind zu ihrer Überzeugung stehen und ihrer Überzeugung bis heute treu geblieben sind!“ So hat er es einst vor Veteranen der Waffen-SS in Krumpendorf formuliert. Sie haben ihre angekündigte Aufwartung bei der Trauerfeier wahr gemacht – Der allgemeinen Versöhnung zuliebe wurden sie im ORF trotz ihrer verdienten Hakenkreuzorden einfach nur als „Weltkriegsveteranen“ bezeichnet. Ganz unproblematisch war diese Versammlung von österreichischer Bundesregierung, Bundespräsident, SS-Veteranen und deutschnationalen Burschenschaftern wohl doch nicht.


Kultur und Volksseele


Nach der „Willkommen Österreich“ - Verarbeitung der Trauerinszenierung rund um Haiders Tod durch Grissemann und Stermann, kochten die Wellen im BZÖ und dadurch offensichtlich in der Kärntner „Volksgemeinschaft“ hoch. Uwe, der im Rampenlicht stehende Part der Gebrüder Scheuch, neuerdings Landesparteiobmann des BZÖ Kärntens, gab empört bekannt: „Diese Sendung war in ihrer Boshaftigkeit nicht nur gegen Jörg Haider gerichtet, sondern gegen die gesamte Kärntner Bevölkerung!"


Ob man Grissemann und Stermann pietätlos findet oder nicht, die Vermessenheit, zuerst die eigene Trauer in allen Details zur Schau zu stellen und die Öffentlichkeit mit Details zu bedrängen, die niemand wissen wollte und dann zu behaupten, das sei privat und es dürfe keine Kommentare mehr geben und auf gar keinen Fall Witze darüber gemacht werden, lädt auf jeden Fall zum schmunzeln ein. Ob die Kärntner Volksseele noch mehr Schaden genommen hat, als sie schon hatte, ist bisher unbekannt.


Nach der Trauer


Für alle, die sich der Doktrin der Volkstrauer und Humorfeindlichkeit nicht unterordnen, bleibt nur ein Gedanke. Jörg Haider ist tot, aber nur der Mensch Jörg Haider. Seine Politik lebt fort und gebärdet sich als wehrhafter, als ein einzelner Mensch es je könnte. Jörg Haider war das Symbol, aber nicht die Ursache für das rassistische, antisemitische und rechtsextreme Österreich, das all jenen gerne verzeiht, die Verbrecher und all jene vergisst, die Opfer waren.


Sandra Breiteneder

Trotzdem Dezember 2008


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